Fundschätzchen

Dass ich hier so schnell schon wieder von einem weiteren Neuzugang meiner Spinnradherde berichten würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

Aber manchmal begegnen einem Dinge, die einfach mit nach Hause genommen werden müssen. So dieses Spinnrad, das ich in den Kleinanzeigen entdeckte. Drei Dörfer weiter abzuholen für extrem kleines Geld.

Da auf dem Foto nicht nur alles noch intakt zu sein schien, sondern auch noch 3 Extraspulen dranhingen, ging ich davon aus, dass es sich auf jeden Fall einmal um ein solides Arbeitsgerät und nicht nur Deko gehandelt hatte. Kurze Inspektion vor Ort verriet mir, dass die Chancen auf ein gut spinnbares Rad hoch waren, also eingepackt das gute Stück.

Bei wunderschönstem Wetter haben wir auf der Terrasse eine Stunde lang den Flügel geputzt (mein heldenhafter Mann) und das Rad mit Leinöl behandelt (ich). Noch einen Faden als Antriebsriemen befestigt, et voilá:

Ich bin immer noch völlig begeistert über dieses tolle Fundstück. Ich hatte schon länger mit der Idee geliebäugelt, eine alte Ziege aufzunehmen. Aber die Räder, die ich bisher in der Nähe gesehen hatte, waren meistens Dekoobjekte, völlig kaputt oder zu teuer für ungewisse Spinneigenschaften. Und so ein altes Rad mit noch 3 intakten Spulen! Ich freu mir nen Ast 🙂

Ein tolles Detail ist, dass der Flügel nicht in Lederlagern läuft und über eine wegzudrehende „Maiden“ (wie nennen sich die Teile, in denen der Flügel hängt, eigentlich auf Deutsch..?) herausgenommen wird. Das Rad hat stattdessen ein schickes Holzgewinde mit Feststell“mutter“, über die besagte vordere „Maiden“, zum Flügelherausnehmen nach vorn weggeschoben oder eben fest angebaut werden kann.

Gewinde mit diamantförmiger Mutter

Gewinde mit diamantförmiger Mutter

 

Das Schönste ist: Das Rad, das bestimmt mal ein Flachsrad war nach den kleinen Häkchen zu urteilen, spinnt wie eine Eins. Leicht zu treten, geradezu leise, mit feinem Einzug, der sich gut verstellen lässt. Nachdem ich den Wocken abgeschraubt hatte, konnte ich sogar ein bisschen beim Fernsehen spinnen, so leise lief es. Das Ergebnis von gestern Abend:

2 Spulen tun schon, eine noch in Arbeit

2 Spulen tun schon, eine noch in Arbeit

 

Mir wurde übrigens erzählt, dass das Spinnrad damals (also wohl 1944/1945) mit auf der Flucht aus Ostpreußen war und dann hier nur noch wenig benutzt wurde und schließlich für lange Zeit auf dem Dachboden landete. Da bin ich doch froh, dass es nach seiner aufregenden Geschichte jetzt endlich ein gutes Zuhause mit eigenem Wirkungskreis gefunden hat 🙂

 

Falls noch jemand gern ein altes Spinnrad finden und flottmachen möchte, hier ein paar Punkte, auf die ich geachtet habe, um halbwegs sicher zu sein, dass es spinnbar sein wird (ohne Gewähr auf Vollständigkeit, Expertin bin ich auch nicht):

Das Schwungrad sollte in der Flucht mit Spule/Wirtel sein und nicht zu stark wegeiern beim Treten. Das Rad sollte noch einen intakten Flügel haben (Haken sind ggf. ersetzbar) und mindestens eine passende Spule, die sich auf dem Dorn drehen lässt. Der Wirtel sollte abzuschrauben sein (Achtung: Die schrauben sich in Gegenrichtung zu normalen Gewinden, also zum Abschrauben nach rechts drehen), oder zumindest den Eindruck erwecken, dass es nur ein wenig Geduld und Öl braucht, ihn wieder loszukriegen.

Weniger dramatisch: Fehlende Antriebsriemen sind kein Thema, ein wenig Baumwollgarn oder Paketschnur reicht. Die Verbindung von Tritt zu Knecht lässt sich leicht ersetzen. Graues trockenes Holz wird mit etwas Öl wieder schön (siehe oben). Und zur Not kann man sogar noch Spulen nachfertigen lassen; doch ist das oft teurer als Standardspulen für moderne Räder zu kaufen, das sollte man sich also in den Preis einkalkulieren.

Frohes Jagen 😉